Morgenlich leuchtend in rosigem Schein - DIE MEISTERSINGER VON NURNBERG - WAGNER - FRITZ REINER

Fritz Reiner, Paul Schoffer, Hans Hopf, Richard Holm, Herbert Janssen

Walther (hat sich zu Sachs am Werktisch gesetzt, wo dieser das Gedicht Walthers nachschreibt. Er beginnt sehr leise, wie heimlich):

»Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,

von Blüt' und Duft geschwellt die Luft,

voll aller Wonnen, nie ersonnen,

ein Garten lud mich ein, Gast ihm zu sein.«

Sachs:

Das war ein Stollen:

nun achtet wohl,

daß ganz ein gleicher ihm folgen soll.

Walther:

Warum ganz gleich?

Sachs:

Damit man seh',

Ihr wähltet Euch gleich ein Weib zur Eh'.

Walther:

»Wonnig entragend dem seligen Raum

bot goldner Frucht heilsaft'ge Wucht

mit holdem Prangen dem Verlangen

an duft'ger Zweige Saum herrlich ein Baum.«

Sachs:

Ihr schlosset nicht im gleichen Ton.

Das macht den Meistern Pein;

doch nimmt Hans Sachs die Lehr' davon,

im Lenz wohl müss' es so sein. -

Nun stellt mir einen Abgesang.

Walther:

Was soll nun der?

Sachs:

Ob Euch gelang,

ein rechtes Paar zu finden,

das zeigt sich [jetzt] an den Kinden.

Den Stollen ähnlich, doch nicht gleich,

an eig'nen Reim' und Tönen reich;

daß man's recht schlank und selbstig find',

das freut die Eltern an dem Kind,

und Euren Stollen gibt's den Schluß,

daß nichts davon abfallen muß.

Walther:

»Sei Euch vertraut,

welch hehres Wunder mir gescheh'n:

an meiner Seite stand ein Weib,

so hold und schön ich nie geseh'n;

gleich einer Braut

umfaßte sie sanft meinen Leib;

mit Augen winkend,

die Hand wies blinkend,

was ich verlangend begehrt,

die Frucht so hold und wert

vom Lebensbaum.«

Sachs (gerührt):

Das nenn' ich mir einen Abgesang!

Seht, wie der ganze Bar gelang.

Nur mit der Melodei seid Ihr ein wenig frei;

doch sag' ich nicht, daß das ein Fehler sei;

nur ist's nicht leicht zu behalten,

und das ärgert uns're Alten! -

Jetzt richtet mir noch einen zweiten Bar,

damit man merk', welch' der erste war.

Auch weiß ich noch nicht, so gut Ihr's gereimt,

was Ihr gedichtet, was Ihr geträumt.

Walther:

»Abendlich glühend in himmlischer Pracht

verschied der Tag, wie dort ich lag;

aus ihren Augen Wonne zu saugen,

Verlangen einz'ger Macht in mir nur wacht'.

Nächtlich umdämmert der Blick mir sich bricht!

Wie weit so nah' beschienen da

zwei lichte Sterne aus der Ferne

durch schlanker Zweige Licht hehr mein Gesicht.

Lieblich ein Quell

auf stiller Höhe dort mir rauscht;

jetzt schwellt er an sein hold' Getön',

so stark und süß ich's nie erlauscht:

leuchtend und hell, wie strahlten die Sterne da schön;

zu Tanz und Reigen in Laub und Zweigen

der gold'nen sammeln sich mehr,

statt Frucht ein Sternenheer

im Lorbeerbaum.« -

Sachs (sehr gerührt):

Freund!

Euer Traumbild wies Euch wahr;

gelungen ist auch der zweite Bar.

Wolltet Ihr noch einen dritten dichten?

Des Traumes Deutung würd' er berichten.

Walther (steht schnell auf):

Wo fänd' ich die? Genug der Wort'!

Sachs (erhebt sich gleichfalls und tritt mit freundlicher Entschiedenheit zu Walther):

Dann Tat und Wort am rechten Ort!

Drum bitt' ich, merkt mir wohl die Weise:

gar lieblich drin sich's dichten läßt:

und singt Ihr sie im weit'ren Kreise,

so haltet mir auch das Traumbild fest.

Walther:

Was habt Ihr vor?

Sachs:

Eu'r treuer Knecht

fand sich mit Sack und Tasch' zurecht;

die Kleider, drin am Hochzeitfest

daheim Ihr wolltet prangen,

die ließ er her zu mir gelangen.

Ein Täubchen zeigt' ihm wohl das Nest,

darin sein Junker träumt!

Drum folgt mir jetzt ins Kämmerlein!

Mit Kleiden, wohlgesäumt,

sollen beide wir gezieret sein,

wenn's Stattliches zu wagen gilt.

Drum kommt, seid Ihr gleich mir gesinnt.

(Walther schlägt in Sachsens Hand ein; so geleitet ihn dieser ruhig festen Schrittes zur Kammer, deren Tür er ihm ehrerbietig öffnet und dann ihm folgt.)



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